Verhaltensauffälligkeiten


Schnurrend, verschmust, verspielt und gepflegt bis in die Schwanzspitze – so sieht für jeden Katzenfreund das Idealbild eines Stubentigers aus. Doch plötzlich, scheinbar wie aus heiterem Himmel, gibt es Probleme. Eine Urinpfütze auf dem Kopfkissen, ein Kothäufchen hinter dem Sofa, ein völlig kahl geleckter Katzenbauch oder ständige Streitereien im Mehrkatzenhaushalt. Wenn die Katze unsauber wird oder ständig ihren Schwanz anknabbert, hat das nicht immer körperliche Ursachen. Manchmal leidet das Tier unter emotionalem Stress. Je früher das Problem erkannt und behandelt wird, desto größer ist die Chance, es schnell in den Griff zu bekommen.

Die Palette für auffälliges Verhalten ist breit gefächert. Sie reicht von relativ rasch und unkompliziert zu behebenden Verhaltensproblemen bis hin zu ausgeprägten und mitunter lebensbedrohlichen Verhaltensstörungen.


Verhaltensprobleme

Es gibt viele Dinge, die dazu führen können, dass sich eine Katze unwohl fühlt. Das häufigste Verhaltensproblem ist Unsauberkeit. Die Katze erledigt ihr Geschäft nicht mehr auf der Katzentoilette, sondern setzt den Kot direkt davor ab. Sie pinkelt in Schuhe, auf Teppiche oder Kissen. Der Katzenbesitzer reagiert oft hilflos und verärgert, weil er das scheinbar boshafte Verhalten seines Tieres nicht versteht. Aus Unwissenheit und Frustration handelt er dann in den meisten Fällen falsch, schimpft lautstark mit dem Tier oder schüttelt es energisch im Nacken. Mancher stößt die Nase des kleinen Missetäters in die falsch platzierten Hinterlassenschaften. Doch was als pädagogische Maßnahme gedacht ist, verfehlt das Ziel. Solch rüde Strafaktionen machen alles nur schlimmer. Das Tier wird dadurch noch mehr verunsichert und verängstigt und pfützt nun erst recht überall hin. Wildpinkeln ist kein Akt bewusster Feindseligkeit, sondern eine Bewältigungsstrategie und ein Hilferuf. Die Katze bringt damit klar zum Ausdruck, dass ihr etwas ganz und gar nicht behagt.

Im Mehrkatzenhaushalt kann Mobbing die Ursache für seelische Probleme einer Katze sein. Der Halter bemerkt es oft erst dann, wenn das Mobbingopfer unsauber, aggressiv oder ängstlich wird. Ein zu Rate gezogener Tierverhaltenstherapeut stellt dann häufig fest, dass sich die Tiere nicht ausstehen können oder die Gruppe eines der Mitglieder ablehnt. Der neutrale Blick von außen hilft bei der Ursachenforschung. Denn der Therapeut sieht Dinge, die dem Katzenbesitzer möglicherweise entgehen. Waren sich die Tiere bereits von Anfang an spinnefeind, muss die gemobbte Katze in einem abgetrennten Bereich der Wohnung leben, wenn möglich mit einem Gruppenmitglied, von dem sie zuvor nicht drangsaliert wurde. Eine weitere Lösung im Interesse des Tieres ist die Abgabe an einen Katzenfreund, der ihm ein schönes Leben in Einzelhaltung bietet. Im Idealfall findet das verschreckte Tier im neuen Zuhause eine nette, ausgeglichene Katze vor, mit der es wieder Freundschaft schließen kann. Kamen die Mitglieder einer Katzengruppe ursprünglich gut miteinander aus und haben sich einige ganz plötzlich zerstritten, können sie mit Geduld, Einfühlungsvermögen, eventuell auch mit entsprechender medikamentöser Unterstützung wieder miteinander versöhnt werden. Das Beste ist, sich Gedanken zu machen, bevor eine neue Katze in die Gruppe integriert wird. Es geht nämlich nicht um die Vorlieben des Menschen, sondern darum, welche Tiere vom Wesen zueinander passen.

Wenn eine sonst so ausgeglichene und souveräne Katze plötzlich hektisch und nervös wird, muss sie nicht zwangsläufig seelisch in Nöten sein. Eine Schilddrüsenüberfunktion, die bei Katzen relativ häufig vorkommt, könnte die Wurzel allen Übels sein.


Verhaltensstörungen

Zu den schweren Verhaltensstörungen gehört das ständige Jagen des eigenen Schwanzes, verbunden mit zwanghaftem Belecken und Beknabbern. Schnell führt dieses abnorme Verhalten zu entzündeten Kahlstellen. Es kann so übermächtig werden, dass der Schwanz regelrecht abgefressen wird und im schlimmsten Fall teilweise oder ganz amputiert werden muss. Oft ist eine zu frühe Abgabe des Kittens die Ursache für diese schreckliche Selbstverletzung. Immer noch werden Kätzchen mit 6 – 8 Wochen und damit viel zu zeitig von der Mutter getrennt. Doch erst mit 12 Wochen ist ein Kätzchen körperlich und seelisch stabil genug für eine Trennung von der Mutter und für einen Umzug ins neue Zuhause. Noch besser ist ein Abgabealter von 14 – 16 Wochen. Bei Katzenkindern, die zu früh ohne Mutter auskommen müssen, kann ein einziger Stressauslöser rasch zu massiven Schwierigkeiten führen.

Für den Menschen nervenaufreibend und für die Katze lebensgefährlich ist das Pica-Syndrom. Das Tier frisst völlig unverdauliche Dinge an, wie z.B. Bettwäsche, Frotteehandtücher, Gummihandschuhe, Teppiche, Gardinen, Plastiktüten oder Pullover. Dieses krankhafte Fressverhalten verursacht mitunter schwere Magen-Darm-Probleme und kann zum Darmverschluss führen. Ob es eine genetische Veranlagung für Pica gibt, kann bisher noch nicht abschließend beantwortet werden, weil es noch keine Studien dazu gibt. Doch wie bei allen anderen Verhaltensstörungen auch, kommt diese Option in Betracht. Leidet eine Katze am Pica-Syndrom, sollte man – wenn möglich – prüfen, ob die Eltern ebenfalls an diesem „Tick“ litten. Es heißt, orientalische Rassen, wie z.B. Siam oder Burma seien häufiger davon betroffen als andere Katzen. Doch grundsätzlich kann jede Katze an Pica erkranken. Manchmal ist diese Verhaltensstörung die Folge des frühen Verlusts der Mutter durch Tod oder einer zu frühen Abgabe des Kittens. Daraus können Verlustängste resultieren, die eine Entwicklung von Pica begünstigen. Häufig frisst das verhaltensgestörte Tier nur dann unverdauliche Materialien, wenn es sich unbeobachtet fühlt oder allein zu Hause ist. Da die Therapie von Pica ebenso schwierig wie langwierig ist, sollte man einen Tierverhaltenstherapeuten zu Rate ziehen.

Timmy vom Tierschutz
litt in den ersten 3 Lebensjahren am Pica-Syndrom


Eine weitere schwere psychische Störung, die tödlich enden kann, ist die feline selbstinduzierte Alopezie (FSA), besser bekannt unter dem Begriff „Leckalopezie“. Die Katze beleckt ihr Fell so stark und ausdauernd, bis nur noch die blanke Haut zu sehen ist. Meist sind der Rücken, der Bauch oder die Innenseite der Oberschenkel betroffen. Anfangs lässt sich das Tier bei dieser Zwangshandlung noch stören, aber das stereotype Verhalten wird im Laufe der Zeit immer schlimmer. Es kommt der Zeitpunkt, an dem nichts und niemand die Katze dann noch davon abbringen wird, sich wund zu lecken. Seelischer Stress, Schmerzen und Infektionen der wundgeleckten Stellen können im Endstadium dem Tier so zusetzen, dass es elend zu Grunde geht. Eine Leckalopezie muss mit Hilfe eines Tierarztes und eines Tierverhaltenstherapeuten so schnell wie möglich behandelt werden, denn von allein findet die Katze aus ihrer Zwangsneurose nicht mehr heraus. Allerdings können auch Parasitenbefall oder Pilzinfektionen ungewöhnlich ausdauerndes Belecken auslösen.

Zwar leiden nur 10 % aller Katzen unter einer Futtermittelallergie, dennoch sollte man auch das in Betracht ziehen. Eine weitere Ursache für übermäßige Leckattacken sind Blasen- oder Nierenerkrankungen.


Maßnahmen

Ein problematisches Verhalten kommt nie von ungefähr. Oft sind es mehrere Faktoren, die bei der Katze für Stress sorgen. Vielleicht langweilt sich das Tier und wünscht sich mehr Aufmerksamkeit oder es hat zu wenig Rückzugsorte. Eventuell wird die Katze zu wenig gefüttert und der Hunger treibt sie um. Möglicherweise behagt ihr auch die Katzentoilette nicht, weil sie zu klein ist oder am falschen Ort steht. Katzen sind Gewohnheitstiere und schätzen einen regelmäßigen Tagesablauf. Ein Wohnungswechsel, Besucher, Urlaub des Katzenhalters, ein neuer Partner oder die Geburt eines Kindes können ein sensibles Tier schnell aus der Bahn werfen. Eifersucht ist ein großes Thema bei Katzen! Bei einem Baby oder einem neuen Partner als Ursache hilft oft schon mehr Aufmerksamkeit gegenüber der Katze, damit sie sich nicht zurückgesetzt fühlt. Meistens sind es nur Kleinigkeiten, die geändert werden müssen, damit wieder Harmonie im Katzenhaushalt einkehrt. Falsch gedeutete Notsignale können schnell dazu führen, dass unerwünschtes Verhalten zum Ritual mutiert.

Stellt der Katzenfreund bei seiner Mieze seltsame Marotten fest, sollte er mit seinem pelzigen Hausgenossen zunächst einen Tierarzt aufsuchen, um abzuklären, ob physische oder psychische Übel dahinter stecken. Grundsätzlich gilt, je schneller man eingreift, desto besser und rascher können Krankheit oder Problemverhalten therapiert werden. In Absprache mit dem Tierarzt können auch entsprechende Medikamente, spezielles Futter, homöopathische Mittel sowie spezielle Beruhigungssprays eingesetzt werden und sind oft sehr wirkungsvoll. Bei besonders schwerwiegenden Auffälligkeiten und Macken seelischen Ursprungs sollte man nicht alleine und auf gut Glück verschiedene Behandlungen durchführen, sondern im Zweifelsfall einen guten Tierverhaltenstherapeuten aufsuchen.

 

 

 

© Text & Foto: Gisela Teubner